Einführung
MyNetworkmap ist ein Werkzeug für die soziale Netzwerkanalyse. Sie erfassen damit, wer mit wem in Beziehung steht, machen diese Beziehungen als Bild sichtbar und berechnen Kennzahlen, die aus dem Bild nachprüfbare Aussagen machen.
Dieses Handbuch beschreibt jedes Modul der Anwendung Schritt für Schritt. Alle Abbildungen stammen aus einem durchgängigen Beispiel, das Sie nachbauen können: einem persönlichen Netzwerk aus zwölf Personen mit den Merkmalen Name, Geschlecht, Alter, Wohnort und Soziale Rolle sowie den Beziehungsarten Freundschaft, Finanzielle Hilfe, Konflikt und Stärke.
Am Ende des Handbuchs stehen zwei ausgearbeitete Anwendungsfälle: eine Netzwerkerhebung in einem Unternehmen per Online-Fragebogen und ein Schulklassen-Projekt mit mehreren Klassen, Kamada-Kawai-Layout und einer Interpretation der berechneten Zentralitätswerte.
Was soziale Netzwerkanalyse ist
Die übliche Sozialforschung fragt nach Eigenschaften von Personen: Wie alt ist jemand, welchen Abschluss hat er, wie zufrieden ist sie? Die Netzwerkanalyse fragt stattdessen nach Beziehungen zwischen Personen: Wer fragt wen um Rat, wer vertraut wem, wer meidet wen?
Dahinter steht eine einfache Annahme mit weitreichenden Folgen: Vieles, was Menschen tun und erreichen, hängt weniger von ihren Merkmalen ab als von ihrer Position im Beziehungsgefüge. Wer zwischen zwei Gruppen vermittelt, erfährt früher von Neuem. Wer niemanden kennt, bekommt keine Hilfe – unabhängig davon, wie qualifiziert er ist.
Die drei Grundbegriffe
| Begriff | In MyNetworkmap | Bedeutung |
|---|---|---|
| Knoten (node) | Akteur | Die handelnde Einheit: eine Person, eine Organisation, ein Ort |
| Kante (edge) | Relation | Die Beziehung zwischen zwei Akteuren |
| Attribut | Attribut | Eine Eigenschaft eines Akteurs oder einer Relation |
Beziehungen können gerichtet oder ungerichtet sein. „Anna fragt Clara um Rat" ist gerichtet – es folgt daraus nicht, dass Clara auch Anna fragt. „Anna und Clara sind Geschwister" ist ungerichtet; die Beziehung gilt notwendigerweise in beide Richtungen. Beruht eine gerichtete Beziehung auf Gegenseitigkeit, spricht man von Reziprozität.
Wichtig für die Arbeit mit MyNetworkmap: Die Unterscheidung gerichtet/ungerichtet ist keine Formalie. Auf der Netzwerkkarte brauchen Sie für dieselbe Beziehungsart je einen Eintrag für die gerichteten und einen für die gegenseitigen Beziehungen, sonst fehlen Linien im Bild.
Vollerhebung und egozentrierte Erhebung
Es gibt zwei grundsätzlich verschiedene Wege, Netzwerkdaten zu erheben.
Die Vollerhebung betrachtet eine abgegrenzte Gruppe – eine Schulklasse, eine Abteilung, einen Verein – und befragt möglichst alle Mitglieder. Ergebnis ist ein geschlossenes Netzwerk, in dem sich Zentralität, Dichte und Untergruppen sinnvoll berechnen lassen. Weil die Gruppe bekannt ist, arbeitet man hier mit einer Namensliste (engl. roster): Alle Befragten kreuzen aus derselben Liste an. Das ist der Weg von Use Case 1 und Use Case 2.
Die egozentrierte Erhebung geht von einzelnen Personen aus – den Egos – und fragt, mit wem diese zu tun haben. Die genannten Personen heißen Alteri. Die Gruppe ist hier nicht vorab bekannt; die Befragten nennen die Namen frei. Dieser Weg eignet sich, wenn es keine abgrenzbare Grundgesamtheit gibt – etwa beim persönlichen Unterstützungsnetzwerk eines Menschen.
| Vollerhebung | Egozentriert | |
|---|---|---|
| Grundgesamtheit | bekannt und abgegrenzt | offen |
| Namensgenerator | vorgegebene Liste | freie Eingabe |
| Typische Kennzahlen | Zentralität, Dichte, Cliquen | Netzwerkgröße, Zusammensetzung |
| Risiko | Ausfälle verzerren das Gesamtbild | Erinnerungseffekte |
Achtung – ein Fallstrick bei freier Eingabe: Nennt jemand „Anna Berger" per Hand, legt MyNetworkmap einen neuen Akteur an. Nennen fünf Befragte dieselbe Person, entstehen fünf Akteure. Für eine Vollerhebung ist die vorgegebene Namensliste deshalb nicht nur bequemer, sondern meist zu empfehlen. Näheres unter Online-Fragebogen.
Was die Kennzahlen bedeuten
MyNetworkmap berechnet die klassischen Maße der Netzwerkanalyse. Sie alle beantworten die Frage „Wie zentral ist jemand?" – aber jedes auf seine Weise.
| Kennzahl | Was sie zählt | Woran sie typischerweise erinnert |
|---|---|---|
| In-Degree | Wie oft wird der Akteur genannt? | Ansehen, Beliebtheit, Nachfrage |
| Out-Degree | Wie viele andere nennt der Akteur? | Aktivität, Suchverhalten |
| Betweenness | Auf wie vielen kürzesten Wegen zwischen anderen liegt der Akteur? | Vermittlung, Kontrolle über Informationsfluss |
| Closeness | Wie kurz sind die Wege von hier zu allen anderen? | Reichweite, Erreichbarkeit |
| Cliquen | In wie vielen vollständig verbundenen Teilgruppen steckt der Akteur? | Eingebundenheit |
| Dichte | Anteil der tatsächlichen an den möglichen Beziehungen | Zusammenhalt der ganzen Gruppe |
Die normierten Varianten (…Norm) teilen den Wert durch den theoretisch
größtmöglichen. Erst dadurch werden Gruppen unterschiedlicher Größe
vergleichbar – ein In-Degree von 8 bedeutet in einer Klasse mit 24 Kindern etwas
anderes als in einer mit 40.
Der wichtigste Einzelbefund der Netzwerkanalyse ist meist nicht die Person mit dem höchsten Degree, sondern die mit hoher Betweenness bei mittlerem Degree: jemand, der wenige, aber strategisch gelegene Verbindungen hat. Fällt diese Person aus, zerfällt das Netzwerk in Teile. In Use Case 2 sehen Sie genau diesen Fall.
Wie MyNetworkmap aufgebaut ist
Die Anwendung ist in drei Ebenen gegliedert.
Organisation
└── Projekt
├── Attribute (Akteurs- und Relationsattribute, Perioden)
├── Akteure und Relationen
├── Netzwerkkarten
└── Online-Fragebögen
Die Organisation ist die Abrechnungs- und Verwaltungseinheit. An ihr hängen der Tarif, die Teamzugänge und die Rechtegruppen. Siehe Organisation und Team.
Das Projekt ist der eigentliche Arbeitsbereich. Jedes Projekt hat seinen eigenen Bestand an Attributen, Akteuren, Relationen, Karten und Fragebögen. Nichts davon ist zwischen Projekten geteilt – auch gleichnamige Attribute sind technisch verschiedene Attribute. Siehe Projekt.
Die wichtigste Gewohnheit im Alltag: Prüfen Sie vor jedem Import, jeder Erhebung und jeder größeren Änderung, welches Projekt oben im Seitenmenü steht. Fast alle Module schreiben in das gerade aktive Projekt.
Die Module sind die einzelnen Arbeitsbereiche. Welche davon Sie sehen, hängt vom Tarif Ihrer Organisation und von Ihrer Rolle im Projekt ab. Dieses Handbuch beschreibt die dreizehn Module, die im Seitenmenü einer Standardinstallation erscheinen. Je nach Tarif können weitere hinzukommen – etwa E-Mail an Akteure; sie fehlen hier, weil sie in der dokumentierten Installation nicht freigeschaltet waren.
| Modul | Kapitel | Wofür |
|---|---|---|
| Dashboard | Dashboard | Einstieg und Navigation |
| Projekte | Projekt | Projekte anlegen, wechseln, Mitglieder verwalten |
| Akteure | Akteure | Akteure und Beziehungen pflegen |
| Attribute | Attribute | Merkmale und Zeiträume definieren |
| Eingabemasken definieren | Eingabemasken | Formulare für die Akteurserfassung |
| Netzwerkkarte | Netzwerkkarte | Zeichnen, gestalten, analysieren |
| online Fragebogen | Online-Fragebogen | Erhebungen bauen und durchführen |
| Survey Statistik | Fragebogen-Ergebnisse | Rücklauf und Antworten auswerten |
| Akteure/Relationen importieren | Import | Vorhandene Daten einlesen |
| Exportieren | Export | Daten herausgeben |
| Organisation und Team | Organisation und Team | Adresse, Tarif, Teamzugänge |
| Profil | Profil | Eigenes Benutzerkonto |
Ein typischer Arbeitsablauf
- Projekt anlegen – ein Projekt je Erhebung, je Gruppe oder je Erhebungszeitpunkt.
- Attribute festlegen – welche Merkmale erheben Sie, und welche Beziehungsarten? Attribute mit vordefinierten Werten sind später die Grundlage jeder Visualisierung.
- Daten hineinbringen – wahlweise über den Import, direkt in der Akteurstabelle, auf der Netzwerkkarte oder über einen Online-Fragebogen.
- Netzwerkkarte bauen – Akteure auf die Karte holen, Beziehungsarten auswählen, Layout rechnen lassen.
- Sichtbar machen – Farbe, Form, Größe und Sektor an Attributwerte koppeln.
- Rechnen – Zentralitätswerte berechnen; sie werden als neue Attribute gespeichert und sind danach sortierbar, filterbar und visualisierbar.
- Exportieren – als CSV oder GraphML für die Weiterverarbeitung, als Bild oder als fertiger PDF-Bericht zur Karte.
Konventionen in diesem Handbuch
- Fett stehen Beschriftungen, die genau so in der Oberfläche vorkommen.
Nichtproportionalstehen Eingaben, Dateinamen und Attributnamen.- Hinweiskästen sind dreifach abgestuft: Hinweis ergänzt, Tipp beschleunigt, Achtung warnt vor Datenverlust oder einem verbreiteten Missverständnis.
Hinweis zur Sprache der Oberfläche: Einige Module – namentlich Attribute, der Online-Fragebogen und Teile der Netzwerkkarte – sind auch bei deutscher Spracheinstellung englisch beschriftet. Dieses Handbuch nennt die Bedienelemente deshalb mit ihrer englischen Bezeichnung und erklärt sie auf Deutsch.